Symposium der

Deutschen Gesellschaft für Humanökologie (DGH)

2020

 

Die für den Mai geplante Jahrestagung 2020 musste Corona-bedingt ausfallen. DGH-intern fanden stattdessen zwei Online-Tagungen am 7./8. Mai und am 18. September 2020 statt. Thematisiert wurden die Themenfelder "Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Humanökologische Aspekte" im Mai sowie "Humanökologie der Krisen" im September.

 

Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Humanökologische Aspekte

 

Inhalt der Tagung

 

Vorspann:

Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung sind Prozesse von weltweiter Relevanz, die immer stärker unser Leben prägen. Wie sie auf komplexe wie ambivalente Weise miteinander verflochten sind, ist Thema der Jahrestagung 2020 der DGH.

 

Sustainable Development by means of digitalization? Human-ecological inquiries

digitalization, sustainable development, ambiguity, new humanism

 

Die Ambiguität digitalisierter Nachhaltigkeit

Die „diagnostischen“, prognostischen und präventiven Möglichkeiten, die beispielsweise durch Big Data eröffnet werden, können die Effizienz nachhaltiger Maßnahmen befördern. Andererseits ist gerade die Digitalisierung mit einer immensen Steigerung des Verbrauchs wertvoller Rohstoffe verbunden und verlangsamt, ja konterkariert dadurch eine nachhaltige Entwicklung. Diese Synergien und Konflikte zwischen Digitalisierung und nachhaltiger Entwicklung gilt es, ausfindig zu machen und anzugehen.

Beide Prozesse sind von Menschen und gesellschaftlichen Institutionen gemacht und daher auch von ihnen zu verantworten. Beiden wohnen  Entwicklungstendenzen und Eigendynamiken inne, die sich einer vollständigen Kontrolle entziehen. Dass damit der Steuerungsbedarf nicht obsolet wird, zeigt sich im Falle der Digitalisierung immer deutlicher. Die euphoristischen und fatalistischen Narrative von der unaufhaltsamen und alternativlosen Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche sind zwar noch nicht verstummt. Aber die Stimmen derer, die  nachdrücklich die Frage stellen, wozu uns die Digitalisierung eigentlich dient und wie sie dementsprechend zu gestalten ist, finden immer mehr Gehör.

Bei der Entwicklung eines solchen „Neuen Humanismus“ und dem damit verbundenen Leitbild kann die Humanökologie einen wichtigen Beitrag leisten. Sie versteht den Menschen im Sinne von Jakob und Thure von Uexküll, aber auch nach E.E. Boesch als „situiertes verkörpertes Subjekt“ (Uexküll 1909, Boesch 1976), m.a.W. als bio-psycho-soziales Wesen. Die gesamten Wirkungszusammenhänge zwischen Mensch, Gesellschaft und Natur können folglich nur durch eine umfassende mehrdimensionale, also differenziert-ganzheitliche Betrachtungsweise adäquat erfasst werden, die als „Ökologie der Person“ neben physischen, psychischen und sozialen auch kulturelle, technische, wirtschaftliche und politische Aspekte berücksichtigt (Tretter 2008). Diese multiaxiale Betrachtung ermöglicht es praxisrelevant und empirisch die Pluralität bzw. Individualität der Menschen zu betrachten, um dann gegebenenfalls theoretisch das Typische zu abstrahieren und so auf „den“ Menschen zu fokussieren.

Die Humanökologie beruht also dezidiert auf einer anthropologischen Basis, die allerdings systemisch zu verstehen ist: Zum Menschen gehört konstitutiv seine Umwelt, sein „Haus“ (gri.: oikos) – mit anderen Worten: das Ökosystem. Im Sinne eines Neuen Humanismus ist der Mensch nun nicht nur dazu befähigt, seine Umwelt zu gestalten. Er verpflichtet sich zudem selbst dazu, seinen Haushalt menschlich und das heißt hier eben eo ipso nachhaltig zu führen. Dabei lassen sich heuristisch zwei Ebenen unterscheiden, nämlich die Mikroebene der individuellen oder Familienhaushalte im engeren Sinne (Individualökologie) und die Makroebene gesellschaftlichen Haushaltens (Sozialökologie), also das Haushalten im Kleinen und im Großen. Die Tagung der DGH beschäftigt sich mit beiden Dimensionen und dabei mit Grundfragen und  folgenden Aspekten:

 

Smart Cities und Smart Homes – Hauptwege zur Nachhaltigen Entwicklung?

Das wohl komplexeste sozioökologische Haushaltssystem menschlicher Existenz ist die Stadt.  Das Management und die Gestaltung der Entwicklung der Stadt ist auf die Sustainable Development Goals (SDGs) auszurichten. Für die damit verbundenen Optimierungsaufgaben bieten sich digitale Regulationssysteme an. Allerdings gibt es unter den Städten, die diese Strategie nutzen, derzeit nur wenige, welche wie Wien (2019) die Digitalisierung in die Nachhaltigkeitsagenda einbetten. Dabei müssen die Transparenz der ICT-Infrastruktur, deren Organisation und ihr Management sichergestellt werden, was demokratische Kontrolle erfordert (WBGU 2019, 383).

 

Nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung – Smart Farming und Smart Nutrition 

Städte müssen ernährt werden, was Hauptaufgabe der Landwirtschaft ist, die allerdings weltweit 23% der CO2-Emissionen verursacht (ICPP 2019) und daher ökologisch noch wenig nachhaltig ist. Wenngleich die zunehmende Digitalisierung zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen könnte (z.B. durch Precision Farming), greifen technisch-digitale Ansätze allein zu kurz oder verstärken mitunter Umweltprobleme sogar (rebound effect). 

 

Literatur

  • Boesch, E.E. 1976 Psychopathologie des Alltags. Zur Ökopsychologie des Handelns und seiner Störungen, Bern: Hans Huber.
  • IPCC 2019. Climate Change and Land: an IPCC special report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems.
  • Magistrat der Stadt Wien 2019. Smart City Wien. Rahmenstrategie 2019-2050 (https://smartcity.wien.gv.at/site/files/2019/10/Smart-City-Wien-Rahmenstrategie-2019-2050.pdf).
  • Tretter, F. 2008. Ökologie der Person. Lengerich: Pabst.
  • Uexküll, J.v. Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: J. Springer.
  • WGBU 2019. Unsere gemeinsame digitale Zukunft. Berlin: WBGU.

 

Organisatoren: Thomas Schmaus, Tobias Gaugler, Felix Tretter