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27. Jahrestagung der DGH

11. – 13. Mai 2017, Sommerhausen am Main (Würzburg)

Veranstaltungsort: Evangelisches Gemeindezentrum, Kirchplatz 9, 97286 Sommerhausen


Philosophische Aspekte der Nachhaltigkeitsforschung und der Humanökologie

Wissensintegration, Menschenbild, Ethik

(Programm als Download und weitere Details hier, Anmeldung hier)

Programm, Hintergrund und Leitfragen

(Entwurf 2.5.2017)

Donnerstag 11.Mai

15.00    Begrüßung | Bernhard Glaeser, Berlin

15.15    Einführung | Felix Tretter, Wien; Karl-Heinz Simon, Kassel


15.45    Keynote 1: „Natur“ und Ethik – naturalistische oder normative Konzeption?

Markus Vogt – München

16.45    Diskussion in Kleingruppen

17.30    Fragen an die Referenten

19.00    DGH-Mitgliederversammlung, Teil 1

20.30    gemeinsames Abendessen (Ort noch klären)

 

Freitag, 12. Mai

9.00      Plenum: Moderation Wolfgang H. Serbser, Torsten Reinsch, Berlin

9.15      Keynote 2: Philosophische Herausforderung „große Transformation“ – Ein Blick auf das Ganze

Konrad Ott – Kiel

10.15    Keynote 3: Brauchen Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung ein neues Menschenbild?

Maik Hosang – Zittau/Görlitz

11.00    Keynote 4: Die Angst der Tiere – Verbindungen zwischen Existenzphilosophie und Ökologie

Jens Soentgen – Augsburg

11.45    Diskussion in Kleingruppen

12.30    Fragen an die Referenten

13.00    Mittagspause

13.00    Treffen des Vorstands und des Beirats


14.30    Arbeitsgruppen

AG1
Wissensintegration – Aspekte der Inter- und Transdisziplinarität

AG2
Menschenbild – Anthropologie, Humanwissenschaften, Individualwissenschaften

AG3
Ethik – Werturteile und Handlungsbegründung

Vorschläge für die zu diskutierenden Leitfragen (siehe unten):

  • Wo gibt es konzeptionell und methodisch die größten Probleme mit der Wissensintegration? Wie steht es um den Link zwischen Ökonomie und Ökologie und jenem zwischen Natur- und Sozialwissenschaften? Was sind effektive Lösungsvorschläge?
  • Welche Angebote können exemplarisch aus Wissenschaftstheorie,
    -philosophie, -geschichte und –soziologie zur Implementierung und Beurteilung von Wissensintegration herangezogen werden?
  • Wo lässt sich wissenschaftshistorisch oder –systematisch andocken? Welche Optionen biete die Humanökologie? Was passiert dazu aktuell?
  • Wie gelingt die Einbindung praktischen und ethischen Wissens? Wie lassen sich die im Alltagsbewusstsein beobachtbaren Werturteile (auch theoretisch) rechtfertigen? Wie könenn sie Überzeugungskraft gewinnen?

Vorschläge für die zu diskutierenden Leitfragen (siehe unten):

  • Auf welche Konzepte einer (philosophischen) Anthropologie kann aufgebaut werden und welche Bedeutung haben die Beziehungen zu Umwelt und Ökologie in diesen Vorschlägen?
  • Kann es das maßgebliche Menschenbild im Nachhaltigkeitsdiskurs geben und wie wirkt es sich aus?
  • Wie steht es um den Zusammenhang zwischen individualistischen Konzepten und der Idee kollektiver Identitäten?
  • Bezüge zwischen Anthropologie und Sozialphilosophie?

Vorschläge für die zu diskutierenden Leitfragen (siehe unten):

  • Können Handlungsanleitungen hinsichtlich nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens allgemeingültig begründet werden? Auf der Grundlage welcher Ansätze der praktischen Philosophie?
  • Wie können damit Bestrebungen einer (großen) Transformation unterstützt werden, angesichts einer Vielfalt von Akteuren und Interessen?
  • Welche Rolle können Moral und Ethik angesichts einer ausdifferenzierten, in Teilbereichen je eigenen Rationalitäten verpflichteten Gesellschaft übernehmen?

Moderation: Karl-Heinz Simon, Kassel

Moderation: Maik Hosang, Zittau/Görlitz

Moderation: Torsten Reinsch, Berlin

16.15    kurze Pause

18.00    Ende der Workshops

19.00    Gemeinsames Abendessen bzw. Weinprobe (Ort noch klären, Selbstzahler)

 

Samstag, 13. Mai

9.30     Wissensintegration konkret und aktuell - Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen,

Schlussfolgerungen, Vorstellung Buchprojekt.

Moderation: Felix Tretter, Wien, Karl-Heinz Simon, Kassel

11.30    Zur Zukunft der DGH  Moderation: Volkmar Baumgärtner, Karlsruhe

13.00    DGH-Mitgliederversammlung, Teil 2

14.30    Ende der Mitgliederversammlung

 

 

Hintergrund und Leitfragen

Ethik und „Große Transformation“

Für die „Große Transformation“ spielt die Umweltethik eine vorrangige Rolle. Sie befasst sich mit allgemeinen Regeln für den Umgang mit natürlichen Ressourcen und Umweltmedien. Zahlreiche Ansätze konkurrieren dabei miteinander, etwa ökozentrische und anthropozentrische Positionierungen (Ott 2014). Eine übergreifende Frage lautet:

Welche Rolle können Moral und Ethik angesichts einer ausdifferenzierten, in Teilbereichen je eigenen Rationalitäten verpflichteten Gesellschaft übernehmen? Welche Ethikkonzeptionen, etwa naturalistische Ethiken oder Verantwortungsethiken, können den Nachhaltigkeitsdiskurs beeinflussen? Wie passen diese zu Problemen der Wissensintegration und der Anthropologie?


Vernachlässigtes Menschenbild

Wenig bedacht wird das Menschenbild, auf dessen Grundlage geforscht und argumentiert wird. Für eine folgerichtig geforderte „Ökologie des Menschen“ sind viele Arbeiten aus der Philosophie (etwa Helmuth Plessner, Arnold Gehlen, Herbert Marcuse, Hans-Georg Gadamer, Paul Vogler) zu nutzen. Sie ergänzen Sichtweisen der Psychologie und Psychoanalyse (Erich Fromm), der Ethnologie beziehungsweise empirischen Kulturanthropologie (etwa Philippe Descola). Aber auch Gregory Bateson, Félix Guattari, Jürgen Manemann oder Papst Franziskus werfen im Rahmen ihrer jeweiligen Ökologien vom Menschen Fragen auf, die grundlegender als bisher diskutiert werden müssten (Hosang und Seifert 2006, Tretter 2008, Vogt 2016):

Wie ist der Begriff des „Weltbürgers“ konstruiert (Biesecker et al. 2016)? Sind Menschen von „Natur aus“ „böse“ und destruktiv oder können sie als Kulturwesen ökologische Notwendigkeiten einsehen und danach handeln? Wie ist der gesellschaftliche Einfluss auf den Menschen zu werten? Ist der Mensch nur ein rationaler Nutzenmaximierer (Homo oeconomicus), der einen Homo oecologicus oder den Homo sustiniens verhindert (Höfling und Tretter 2012)?

 

Intersektorale Wissensintegration

Für das Wissen und die Handlungsorientierung spielen die Wissenschaften eine große Rolle. Die Menschen selbst und die Gesellschaft sind aber in den Umweltnaturwissenschaften oft nur als undifferenzierte Input-Variable konzipiert. Daher müssen die Human- und Gesellschaftswissenschaften, ähnlich wie bereits die Wirtschaftswissenschaften, stärker in die Umweltforschung einbezogen werden. Das betrifft auch die Nachhaltigkeitsforschung und die „transformative Wissenschaft“ (Grunwald 2015, Schneidewind et al. 2016). Nicht nur die Erkenntniskraft der Transdisziplinarität, sondern auch die Integrierbarkeit quantitativer und qualitativer Indikatoren und ihre systemische Verknüpfung sind wichtige Themen (Simon und Tretter 2015). Dieses Projekt der Wissensintegration wirft Fragen der Kompatibilität von Methodik, Begrifflichkeit, Sprache, Theoriebildung und Kommunikation auf (Hoffmann 2016). Das tangiert traditionelle Themen der Philosophie: Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie.


Humanökologie und Sozialökologie

Solche Fragen wurden bereits im Kontext von Humanökologie und Sozialökologie erörtert, wo es um das Verhältnis von Mensch und Umwelt (Glaeser 1989, Serbser 2004), von Gesellschaft und Umwelt (Becker und Jahn 2006) oder von Mensch, Gesellschaft und Umwelt geht (Steiner und Nausser 1993, Fischer-Kowalski 2004). Besonders wertvoll im humanökologischen Diskurs sind Beiträge der hybriden Disziplin Geografie – die sich aus physischer Geografie und Sozialgeografie zusammensetzt (Egner 2010). Sie könnten Fundierungen für die Nachhaltigkeitsforschung bieten. Daher sollen in dieser Hinsicht im Rahmen der Tagung die Beziehungen zwischen Wissensphilosophie, Anthropologie und Ethik beleuchtet werden.

 

Literatur

Becker, E., T. Jahn. 2006. Soziale Ökologie.Frankfurt am Main: Campus.

Biesecker, A., S. Breitenbach, U. von Winterfeld. 2016. Bürger ohne Eigenschaften? Die Weltbürgerbewegung gendersensibel verstehen. GAIA 25/3: 152–155.

Fischer-Kowalski, M. 2004. Gesellschaftliche Kolonisierung natürlicher Systeme. Arbeiten an einem Theorieversuch. In: Humanökologie: Ursprünge – Trends – Zukünfte. Herausgegeben von W. Serbser. München: oekom. 308–325.

Gesang, B. 2011. Klimaethik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Glaeser, B. (Hrsg.). 1989. Humanökologie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Grunwald, A. 2015. Transformative Wissenschaft – eine neue Ordnung im Wissenschaftsbetrieb? GAIA 24/1: 17–20.
Höfling, S., F. Tretter (Hrsg.). 2012. Homo oecologicus. München: Hanns Seidel Stiftung.

Hoffmann, S. 2016. Transdisciplinary knowledge integration within large research programs. Ecological Perspectives for Science and Society 25/3: 201–203.

Hosang, M., K. Seifert (Hrsg.). 2006. Integration. Natur – Kultur – Mensch. Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise. Symposiumsbeiträge zum 70. Geburtstag Rudolf Bahros. München: oekom.

Ott, K. 2014. Umweltethik zur Einführung. Hamburg: Junius.

Schneidewind, U., K. Augenstein, F. Stelzer, D. Riechert, L. Lucas. 2016. The woodstock of sustainability science. GAIA 25/3: 207–209.

Serbser, W. (Hrsg.). 2004. Humanökologie. München: oekom.

Simon, K.-H., F. Tretter (Hrsg.). 2015. Systemtheorien und Humanökologie. München: oekom.

Steiner, D., M. Nausser (Hrsg.). 1993. Human ecology – fragments of antifragmentary views of the world. London: Routledge.

Tretter, F. 2008. Ökologie der Person. Lengerich: Pabst.

Vogt, M. 2016. Humanökologie – Neuinterpretation eines Paradigmas mit Seitenblick auf die Umweltenzyklika Laudato si’. In: Die Welt im Anthropozän. Herausgegeben von W. Haber, M. Held, M. Vogt. München: oekom. 93–114.